Frohes Superspreading

 




Der zweite sogenannte Corona-Lockdown soll ab November in Kraft treten


Text Juliane Beer


Um es vorweg zu nehmen: Ich gehöre weder zum Club derer, die Corona für eine harmlose Grippe halten – nicht, weil ich es besser weiß, sondern, weil niemand genaues weiß, und es deshalb vernünftig ist, vorsichtig anstatt draufgängerisch zu sein – noch gehöre ich zu denen, die dafür plädieren, Alte und chronisch Kranke zu opfern, damit die, die jung oder fit oder auch beides sind, sich nicht einzuschränken brauchen.

Mit den neuen Regeln wird jedoch genau das erreicht.

Was ist geplant?

Falls der zweite Lockdown nicht doch noch für verfassungswidrig erklärt wird schließen ab 2. November für einen Monat:



  • Opernhäuser

  • Konzerthäuser

  • Messen

  • Kinos

  • Freizeitparks

  • Spielhallen

  • Spielbanken

  • Wettannahmestellen

  • Bordelle

  • der Freizeit- und Amateursportbetrieb

  • Schwimm- und Spaßbäder

  • Fitnessstudios

 

Was Spielhallen, Spielbanken,Wettannahmestellen und vor allem Bordelle angeht bräuchten diese, ginge es nach mir, gar nicht wieder zu öffnen, da sie Menschen psychischen und physischen Schaden zufügen. Zwar sind die übrigen Kandidaten auf der Liste Stätten, die Menschen gesund halten und glücklich machen, doch die meisten von uns werden vermutlich nicht erkranken oder in Depressionen verfallen, dürfen sie eine Zeit lang kein Schwimmbad, Kino oder Theater besuchen.

Wie es scheint wittert die Regierung jedoch eben diese Gefahr, würde sie den Verkauf von Bekleidung, Elektroartikeln, Einrichtungsgegenständen und auf was man sonst noch eine Weile verzichten kann, unterbinden. Monika Grütters brachte es am 29. November im Deutschlandfunk (17:30 Uhr, Kultur heute) auf den Punkt: Der Einzelhandel müsse offen bleiben, damit ihm nicht das Weihnachtsgeschäft wegbreche. Für die Kultur tue es ihr "sehr sehr leid". 

Auf die Idee, dass sich ab Montag zahllose Menschen aus Mangel an Zerstreuung in den Elektromärkten oder Bekleidungsläden drängeln werden, beziehungsweise in den Warteschlangen davor, kommt Monika Grütters nicht, oder aber die Volksgesundheit ist dann doch zweitrangig, steht das Weihnachtsgeschäft auf dem Spiel. Der Groß- und Einzelhandel wird eventuell Druck auf die Politik ausgeübt haben, der Kulturbereich hat diese Möglichkeit nicht. 

Dass die Politik der Bevölkerung nun vorgaukelt, man könne die Lage in den Griff kriegen, indem man lediglich Gastronomie und Kulturbereich lahmlegt, ist so tragikomisch wie es die Hilf- und Konzeptlosigkeit im Kampf gegen die Krankheit zeigt. Ganz zu schweigen davon, dass es tausende von KleinunternehmerInnen im Kunst- Kultur- und Veranstaltungsbereich sinnlos die Existenz kosten wird

Aktuelle Regelungen sehen zwar vor, Solo-Selbstständige und KleinunternehmerInnen zu entschädigen - wie es heißt können 75% des üblichen Verdienstes beantragt werden – aber auch wenn es mit den Entschädigungen dieses Mal klappen sollte: da zahllose Selbstständige sich bereits vor Corona-Zeiten gerade eben über den Monat bringen konnten bedeutet ein Minus von 25 % unbezahlte Rechnungen, Mieten und andere laufende Kosten. Ob Job- und Sozialämter diese Kosten erstatten werden, wenn die Betroffenen schließlich doch gezwungen sind, dort vorzusprechen, wird sich zeigen. 

Bereits jetzt halten immer mehr AutorInnen und WissenschaftlerInnen ihre Lesungen und Vorträge über youtube oder Zoom ab – schön für uns alle, die wir inzwischen fast jeden Abend einem interessanten Vortrag lauschen können. Woher die Honorare für die Vortragenden kommen, wo Eintrittsgelder wegfallen, fragt niemand.

Man muss keine Hellseherin sein um vorauszusagen, dass Corona im Dezember nicht besiegt sein wird, im Gegenteil. Nachdem das diesjährige Aktivitätskonzentrat namens Weihnachts-Shopping die Infektionen noch mal in die Höhe getrieben hat (aber das Geld immerhin in den Kassen gelandet ist), junge Leute sich heimlich in Innenräumen zum Feiern getroffen haben, da sie sich nicht mehr an der frischen Luft vor Cafés und Spätis aufhalten durften, und das Virus dann in Schulen und Unis getragen haben, nachdem Oldies sich zwecks Einsamkeitsverhütung in ihren Wohnungen verabredeten, weil Cafés oder öffentliche Treffs für SeniorInnen, wo auf Abstandsregeln geachtet wird, geschlossen wurden (auf den offenbar ernst gemeinten Aufruf an die Bevölkerung, Zusammenkünfte in Nachbarwohnungen bei Behörden zu melden möchte ich hier aus naheliegenden Gründen nicht eingehen), nachdem der öffentliche Nahverkehr, morgens zwischen sieben und zehn eine stadtweite Corona-Party, weder entzerrt noch auf Einhaltung der Maskenpflicht kontrolliert wird, dürfte im Dezember aufgrund von Explosion der Krankheitsfälle dann vermutlich alles rigoros heruntergefahren werden, was man auch sofort hinter sich bringen könnte, und zwar in Ruhe geplant und vernünftig abgesichert: alles konsequent für eine Woche dicht machen, den Menschen bezahlten Urlaub von Bullshit-Jobs gewähren, bzw. Menschen, die im Kultur- und Unterhaltungsbereich tätig sind, angemessen entschädigen und die, die in elementaren Bereichen lohnarbeiten, nicht durch abendliche Klatschkonzerte verhöhnen, sondern durch Lohnzulagen würdigen.

Das aber ist zumindest für November nicht angedacht, und Deutschland wäre nicht Deutschland, dürfte man neben Lohnarbeit und Shopping nicht auch noch beten. Der Gottesdienst soll auch ab November erlaubt sein, und so kommen dann Absurditäten wie der „Düsseldorfer Aufklärungsdienst“ sie soeben im sozialen Netzwerk Facebook dokumentierte, zustande (siehe dazu auch Foto oben):

Filme dürfen Kinos aus Sicherheitsgründen leider zunächst nicht mehr zeigen. Als Alternativprogramm finden in Hilden jetzt Gottesdienste im verwaisten Kino statt. Ein „sicherer und bequemer Ort, um zusammenzukommen“, wie Pfarrer Maxeiner feststellt. Da macht es sich bezahlt, dass der Kinobetreiber in eine Luftwechselanlage investiert hat.“




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