Von MigrantInnen, Gott und dem Zusammenleben

 

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Text Juliane Beer

 

Anfang September brannte das griechische Flüchtlingslager Moria, ehemaliges Militärgelände auf der griechischen Insel Lesbos, nieder. Moria diente als Aufnahmezentrum und zur Registrierung von MigrantInnen größtenteils aus arabischen und afrikanischen Ländern. Das Lager sollte 2.800 Menschen Platz bieten, nach Medienberichten lebten zur Zeit des Großbrands ca. 20.000 Geflüchtete dort.

Dass es niemandem zugemutet werden darf, schon gar nicht Frauen und Kindern, über Monate oder sogar Jahre zusammengepfercht und ohne ausreichende Versorgung auf die Bearbeitung eines Anliegens zu warten, muss vermutlich nicht erwähnt werden. Warum aber bestehen diese Zustände? Zusammenfassend kann man sagen, dass diese Zustände deshalb bestehen, weil die Regierenden Europas entweder nicht Willens oder nicht fähig sind, Regelungen zu Migration und Flucht auf den Weg zu bringen. Eine Rolle dabei spielt, dass die europäische Bevölkerung in der Migrationsfrage gespalten ist. Das hat zahlreiche Gründe. Einer davon ist, dass nicht wenige MigrantInnen aus muslimisch geprägten, antidemokratischen, diktatorisch regierten Ländern bzw. aus Failed states/ Fragile States kommen und ihre Sozialisation mitbringen. Diese trifft auf eine westliche, wirre, postmoderne Linke und Linksliberale, die das Recht auf Religionsfreiheit, Selbstbestimmung, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, Individualismus und Frauenrechte( bzw. das Recht, darum zu kämpfen) als so selbstverständlich und naturgegeben ansieht, dass sie dem müde zu sein scheint bzw. sich mit einem Maß an Freiheit konfrontiert sieht, dass sie offenbar als beängstigend wahrnimmt, anstatt es einem nicht selten archaischen oder vormodernen Gesellschaftsmodell ankommender MigrantInnen, oder auch MigrantInnen, die hier in 2. und 3. Generation leben und sich in weltlicher Gesellschaftsordnung nicht zurecht finden, bedingungslos entgegenzusetzen.

Man muss nicht bis nach Frankreich schauen, wo sich im Sommer 2020 die gemeinsame Liste linker Parteien, Archipel citoyen, in der zweiten Runde der Kommunalwahlen in Toulouse mit der Muslimbruderschaft verbündete oder Teile der Linken die Revolution darin sehen, sich als Islam-Linke/r zu outen.Je suis un islamogauchiste parce que…“ - die Aufzählung der Gründe für linke Sehnsucht nach Rückschritt, Unfreiheit und Unterjochung lese man selbst im Internet nach. Auch in Deutschland kooperieren Teile der Partei Die LINKE, nämlich der Zusammenschluss Marx21, mit Gruppen und Personen, die Verbindungen zur Muslimbruderschaft, Millî Görüş und den grauen Wölfen pflegen. Das Problem heißt also offenbar noch nicht einmal Religion, denn dann könnte sich die westliche LINKE auch dem Christentum zuwenden. Das Problem heißt Sehnsucht nach Sinn, den die demokratische westliche Sphäre nicht frei Haus lieferte - und jetzt soll es das über Bord Werfen von Glaubensfreiheit, Rationalität und Vernunft und die Rückbesinnung auf Irrationalität und Barbarei richten. Man kann und will niemandem die Sehnsucht nach Höherem und Unerklärlichem verbieten, vermutlich pflegen einige von uns eine Welterklärung, die das Sicht- und Tastbare überwindet. Sehr wohl aber kann man sich darauf einigen, dass all diese Ideen und Vorstellungen strikt aus dem öffentlichen Leben heraus zu halten sind, will man einer immer widersprüchlicheren Realität gemeinsam und friedlich begegnen. Das ungeliebte kapitalistische System, das wir alle zusammen am Laufen halten, wird kein höheres Wesen für uns abschaffen. Das können nur wir selbst, falls überhaupt gewünscht. Der bei zahllosen Linken beliebte Ausruf, man sei die 99%, belegt sehr anschaulich, dass man es offenbar nicht wünscht.

Zurück zum Lager Moria. Die BewohnerInnen des abgebrannten Lagers müssen menschenwürdig untergebracht werden, doch damit ist das Problem nicht gelöst. Solange die Regierenden Europas keinerlei Ambitionen erkennen lassen, Regeln des Zusammenlebens für alle auf der Basis von Vernunft und Rationalität verbindlich festzulegen, wird die Akzeptanz für Menschen aus anderen Kulturkreisen immer mehr schrumpfen. Dass die Ablehnung der Mehrheit dann auch diejenigen trifft, die nach Europa fliehen, um hier frei und emanzipiert zu leben, ist zutiefst bedauerlich; geradezu tragisch ist, wie wenig Interesse linke Parteien und Organisationen an der Kooperation mit emanzipierten Menschen aus afrikanischen und arabischen Staaten zeigen.

Ein syrischer Student, aktiv in einer Initiative geflüchteter Ex-MuslimInnen, brachte es einst bei einem Kontakt-Nachmittag mit BerlinerInnen desillusioniert auf den Punkt, nachdem er von den Übergriffen von Bewohnern auf emanzipationswillige Frauen und Männer in seiner Flüchtlingsunterkunft berichtet hatte: Die meisten Leute in der Unterkunft würden vor solchen Zuständen fliehen, die sie hier sogleich wieder herzustellen versuchten – unter Applaus oder zumindest Akzeptanz der deutschen HelferInnen.

Bis heute haben ExmuslimInnen bzw. AtheistInnen aus muslimisch geprägten Ländern in Deutschland kaum eine Lobby. Nicht nur uns sondern auch ihnen sind wir es jedoch schuldig, für Zustände zu sorgen, die einer aufgeklärten Gesellschaft würdig sind. Dazu gehört neben vielem anderem, staatliche Einrichtungen von Bekenntnissen zur Irrationalität freizuhalten.

Darüber sprachen wir am 13. September beim Bedingungslosen Nachmittag mit Roman Veressov und Markus Wollina von der Partei die LINKE, die soeben die Landesarbeitsgemeinschaft Säkulare LINKE gegründet haben, Naïla Chikhi, unabhängige Beraterin und Referentin (wollte als Zuschauerin dabei sein und lediglich ein Statement abgeben) und Walter Otte, Sprecher der Initiative Pro Neutralitätsgesetz und Sprecher der Säkularen Grünen. 

https://www.youtube.com/watch?v=qxE4H_HmI6k&t=104s

 

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