Was darf Israel? Eine Farce in 12 Anschreiben

 





Ein Briefwechsel, gelesen, damit ihr es nicht müsst, von Juliane Beer

Im schmalen Band “Was darf Israel“, Briefwechsel zwischen Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine und Hamed Abdel-Samad, Politikwissenschaftler geht es um die Frage, ob der Staat Israel sich gegen Angriffe verteidigen darf und wenn ja, wie.

Falls man vor Beginn der Lektüre noch einerseits über die Fragestellung staunte und anderseits darüber, dass eines der deutschen Herzensthemen auf nur 150 Seiten verhandelt werden soll, wird spätestens nach der Hälfte des Buchs klar, dass dieser Briefwechsel bereits nach dem dritten Hin und Her hätte beendet werden dürfen. Ein Briefwechsel zur Frage, ob Dänemark oder Japan oder Chile oder alle weiteren Staaten dieser Erde sich gegen Angriffe verteidigen dürfen und wenn ja, wie, wäre natürlich ebenso seltsam gewesen, allerdings hat sich meiner Recherche nach noch niemand dieses Themas angenommen.

Über den Antrieb des Verlags, dieses Buch zu drucken, kann man lediglich spekulieren, als Zündfunke wird die Freundschaftskrise Abdel-Samad/ Peyman Engel angeben. Endgültig seien die beiden aneinander geraten, als Abdel-Samad 2025 Israels “Vorgehen in Gaza“ als Genozid bezeichnete, worauf Peyman Engel sich, anstatt seinen Freund öffentlich an den Pranger zu stellen, für ein Gespräch entschieden habe.

Somit eröffnet Peyman Engel mit einem Brief, in dem er seinem Entsetzen darüber Ausdruck verleiht, dass Abdel-Samad im sozialen Netzwerk X einen Post absetzte, der zum Inhalt hatte, dass Israel in Gaza einen Genozid verübe. Anders als beim Eröffnen eines Schachspiels zielt der Brief im Weiteren nicht darauf ab, den König durch die Rochade in Sicherheit zu bringen, sondern lässt auf unverstellte, spontane Empörung schließen, unter Wahrung aller Anstandsregeln hervorgebracht, aber ohne jede Sicherung der Grundreihe. Sympathisch weil authentisch, deshalb entwaffnend, mag man denken, bis man bei Abdel-Samads Antwort anlandet und feststellt, dass dieser, wie auch im späteren Verlauf des Textes deutlich wird, gute Umgangsformen mit Schwäche verwechselt.

Abdel-Samad antwortet also. Gekränkt. Versucht, dies hinter toten Frauen und Kindern zu verstecken, die, wenn von der eigenen Peer Group geopfert1, für ihn nicht gestern, nicht heute und vermutlich auch nicht morgen einen Post bei X wert sind. Vielleicht weiß er, dass man gerade in Deutschland danach sehnsüchtelt, sich ab und zu über tote Kinder auszuweinen, was, wenn die vermeintlichen Täter nicht jüdisch sind, nie so recht gelingen mag. Dass Clans wie Hamas Kinder als Schutzschilde oder Märtyrer missbrauchen, daraus kein Geheimnis machen, sondern Eltern toter Kinder mit lebenslangen Renten ehren, wird Samad wissen. Ebenfalls, dass das Töten von Juden der Leitgedanke bzw. das Herzstück u.a. des Hamas-Manifests ist, in die Köpfe arabischer Kinder gehämmert unter Zuhilfenahme von Schulbüchern, gesponsort u.a. von Deutschland2. Die Leserschaft braucht all das nicht zu wissen, zumindest nicht von Abdel-Samad. Dafür unterstellt er im weiteren Verlauf seiner Antwort den Israelis das, was Araber offen einräumen und vermutlich ausführen würden, wenn sie könnten; Israel zwar könnte, aber (bislang) unterlässt. Völkermord. Juden wollten doch gut sein, lamentiert Abdel-Samad. Und sollten dies auch. Oder hätten sie aus ihrer Vergangenheit keine Lehre gezogen?

Dass Juden aus ihrer Vergangenheit die Lehre gezogen haben, sich nie wieder abschlachten zu lassen, kommt Abdel-Samad offenbar nicht in den Sinn und falls doch, lässt er es als Lehre für Juden nicht gelten, wie sein Fazit vermuten lässt. Sinngemäß lautet dieses: Weil in “Palästina“ überwiegend Kinder leben und weil Hamas ihre Frauen und Kinder als lebende Schutzschilde missbraucht, dürften Juden sich nicht gegen arabische Angriffe wehren, denn sie verkaufen dadurch ihre Seele. Nicht ohne Theatralik wird von Israelis eine Art Selbstmordkommando des Gutseins eingefordert. Juden sollen Opfer sein, an dessen Seite Abdel-Samad stehen möchte. Aber nur solange sie nicht impertinent werden, auf seinen Beistand pfeifen und sich selbst verteidigen.

Das größte Opfer aber ist Abdel-Samad selbst. Weil sich, wie er im Weiteren beklagt, viele seiner "jüdischen Freunde" inzwischen von im distanziert hätten. An dieser Stelle mag manch eine/r erstaunt sein, dass Samad überhaupt jüdische Freunde hat(te), denn eigentlich dürfte bekannt sein, dass die meisten Ideologen, die aus einer speziellen Ideologie aussteigen, nicht dem Lockruf der Ideologie insgesamt widerstehen können. Aber vielleicht war Samads “Islamkritik“ einfach zu verführerisch für diese und jenen.

Im Buch geht es derweil weiter, Peyman Engel antwortet, Abdel-Samad antwortet ebenfalls, beklagt, Veranstalter hätten ihn ausgeladen, nachdem er mit seiner “mutigen Minderheitsmeinung zu Israel“ an die Öffentlichkeit gegangen sei. Dass laut Umfragen ca. 70-80 % der Deutschen und 90 % der muslimischen Bevölkerung Abdel-Samads mutige Minderheitsmeinung zu Israel teilen, weiß er oder weiß er nicht - wollen wir nicht kleinlich sein. Dass Veranstalter ebenso mutige Minderheitsmeinungen vertreten und im Rahmen dessen entscheiden dürfen, wem sie in ihren Räumen ein Forum bieten möchten, kommt Abdel-Samad offenbar nicht in den Sinn.

Peyman bleibt höflich. Antwortet. Wiederholt das, was man inzwischen als olle Kamelle bezeichnen könnte. Israel dürfe sich verteidigen, die israelische Regierung dürfe man sehr wohl kritisieren. Dass dies überhaupt erwähnt werden muss, nachdem seit Jahren Bilder von Israelis beim Volkssport Nummer eins – gegen die Regierung Netanjahu demonstrieren - um die Welt gehen, ist einer der Punkte, die einem die Lust am ernsthaften Weiterlesen verleidet. Dass man auch in Deutschland die israelische Regierung kritisieren könne darf in Peymans Antwort natürlich nicht fehlen. Ich erlaube mir zu ergänzen, dass natürlich jeder jeden kritisieren darf, Deutsche aber voll ausgelastet wären in Sachen Kritik, wenn sie auch nur ein Mal mit der Inbrunst der Israelis gegen Merz und seine Entourage auf die Straße gingen. Aber das ist ein anderes Thema.

Im Buch wird es jetzt temperamentvoll. Es bricht aus Abdel-Samad heraus. All das, was er vielleicht schon seit Jahren sagen wollte und wegen seiner “jüdischen Freunde“ herunterschluckte? Wer weiß. Israel sei eine Besatzungsmacht, heißt es jedenfalls an dieser Stelle, ein Apartheidregime, ein Mörder-Staat von Gründung an. Vergleichbar mit dem Nationalsozialismus.

So.

Apartheid, also Rassentrennung in einem Land, in dem Araber bei der Polizei, im Gesundheitswesen, ja sogar bei der Arme arbeiten? Israel, ein nationalsozialistischer Staat, der die arabische Bevölkerung bei Nacht abholt, vergast und erschießt? Abdel-Samad lässt die Matrix flackern. Terror und Angriffskriege arabischer Staaten auf Israel von Beginn an sind aus Abdel-Samads Universum verbannt. Hamas, die er nicht als Widerstandsorganisation bezeichnen möchte, der er aber auch nicht das Label Widerstandsorganisation entziehen kann, wie er bekennt, sei die logische Konsequenz der "Demütigung des palästinensischen Volkes“.

Dass ein Volk gegen Regenten, die einem Dauergewalt, Mord und Totschlag zumuten, vorgehen könnte, kommt als Option nicht vor. Zwar räumt Abdel-Samad ein, dass Aggression und Gewalt in der Geschichte des Islam mitnichten erst nach der Staatsgründung Israels begonnen hätten, räumt weiter ein, dass der Islam schon immer den Tod geliebt habe und nicht das Leben, dennoch - Israel habe die Aufgabe, Visionen zu entwickeln bzw. durch ein “Ende der kolonialen Logik“ dem “palästinensischen Volk“ Wege zu einem würdevollen Leben in Frieden zu weisen. Man darf davon ausgehen, dass spätestens bei diesem Appell selbst der humorfreiste Hamas-Hilfs-Kretin in einen Lachkrampf ausbrechen würde. Könnte er lesen.

Peymann-Engel antwortet. Erläutert, dass die arabische Seite jeden ihrer Angriffskriege verlor, dass der Verlust “palästinensischer“ Gebiete, die der arabischen Bevölkerung nach UN Teilungsplan zugestanden hätten, Folge eben dieser Angriffskriege seien, erläutert die Verbindung des jüdischen Volkes mit dem Staat Israel in geografischer Hinsicht, weshalb sich Israel in Israel befinde und nicht in Uganda, Bayern, Madagaskar oder sonst wo. Er erläutert dass Juden nicht in Israel lebten um die arabische Welt zu demütigen (hier errät er offenbar Abdel-Samads Denken, was keine seherischen Fähigkeiten erfordert ) sondern, weil es ihnen zusteht, dort zu leben. All das erläutert er, als spreche er zu einem Schulkind, was folgerichtig sein mag, aber den Text in eine Groteske kippen lässt. Zumal daraufhin Samads Antwort wie folgt ausfällt:

Zitat Abdel-Samad: „Donnerwetter! So kenne ich dich gar nicht. Du warst für mich immer der leise freundliche Jude, der es allen Recht machen wollte und sich bei jeder Gelegenheit beinahe dafür entschuldigte, Jude zu sein!“ Zitat Ende.

Man kann nur spekulieren, ob Abdel-Samad hoffte, Peymann Engel würde auf einen Schwall von Geschichtsklitterung und nazistischer Kränkung als “leiser freundlicher Jude“ antworten, der sich dafür entschuldigt, Jude zu sein.

Der Rest ist schnell erzählt. Samad hat offenbar begriffen, wo nichts mehr zu holen ist und besinnt sich auf seine Rolle als “Islamkritiker“, gibt das der Leserschaft anhand verschiedener Beispiele mit auf den Weg. Und weil er den Islam kritisiere, fühle er sich auch verpflichtet, Israel zu kritisieren.

Dann wird noch um Tote gefeilscht, um Tote, die Israel auf dem Gewissen habe, worauf Peymann Engel sich wiederum einlässt, es wird ein bisschen geschichtlich/religiös hin und her philosophiert oder genauer gesagt, für die arabische Seite geschichtlich/religiös argumentiert, denn versucht Peyman dies auch für die jüdische Seite, wird jeder Versuch als nicht statthaft niedergebügelt.

Gut, dann will ich das mal an Peyman Engels Stelle übernehmen:

Wäre es gestattet, auch für die jüdische Seite geschichtlich/religiös zu argumentieren dürfte kein einziger Araber im Gazastreifen oder in den “besetzten Gebieten“ leben. Ich fange von vorne an:

Erste Bewohner des Landes Kanaan (heute Israel) waren die Kanaaniter. Juden folgten ca. 1200 v. Chr.. Nach Zerstörungen (70 n. Chr.) und Vertreibung (135 n. Chr.) durch die Römer verließen Teile der jüdischen Bevölkerung das Land.

Muslime tauchten auf dem Gebiet des heutigen Israel recht verspätet auf, nämlich mit der arabisch-islamischen Eroberung um 638 n. Chr.

1517 eroberten Osmanen die Region und regierten bis 1917

1920 wurde das Gebiet Großbritannien zugesprochen.

Die arabische Bevölkerung organisierten sich zu keiner Zeit in Form eines Staates. Man lebte als Untertan von Reichen, die von den jeweiligen Heimatländern der Besatzer regiert wurden.

Ab Beginn zionistischer Bewegungen in den 1880er-Jahren sowie 1948 kauften Juden Land von solchen Arabern, die Land besaßen. Dies war zu 20 bis 30 % der Fall, der Rest war Staatsland: Vor 1917 im Besitz des Os­manischen Reiches, zwischen 1918 und 1948 in Besitz der britischen Mandatsregierung.

Israel eroberte im Rahmen arabischer Angriffskriegen sowohl Land, das Arabern privat gehörte, als auch Land, das in der UN-Teilungsresolution vom November 1947 für die palästinensisch-arabische Souveränität vorgesehen war. Wie es nun mal weltweit passiert als Folge von Kriegen.

Der Rest ist bekannt.

Zurück zum Buch.

Fazit: Eine überflüssige Lektüre. Streitgespräche: sehr gern. Aber nur, wenn den Argumenten beider streitenden Parteien geschichtliche Tatsachen zugrunde liegen.

Was will ich stattdessen lesen?

Ein Gespräch über das Dilemma, gegen einen Feind zu kämpfen, der sein Leben der Vernichtung Israels verschrieben und nichts zu verlieren hat weil er, wie u.a. Abdel-Samad zugibt, den Tod und nicht das Leben liebt und deshalb immer weitere Generationen diesem Wahnkonstrukt opfert. Gespräche über das Dilemma, dass niemand Rat weiß, wie dieser Konflikt zu beenden sei (was Peyman Engel immerhin eingesteht), sich mit diesem Bekenntnis aber niemand profilieren oder gar zum “Nahostexperte“, aufsteigen würde, auch nicht zum “Freund Israels“ oder sich als “palästinasolidarisch“ gerieren könnte.

Und schließlich möchte ich Gespräche lesen zu der Frage, warum Israel allein gelassen wird, wo eine Bedrohung wie diese in jedem anderen Staat längst zur Folge hätte, dass beispielsweise Blauhelme entsannt würden, um zu Gunsten der Zivilbevölkerung beider Seiten zumindest einen Waffenstillstand zu sichern, damit Kinder lernen, dass man in Frieden mit seinen Nachbarn leben kann, dass das Leben kostbar ist und sein Sinn weder in Gewalt und Wahn noch im Märtyrertod besteht.




Was darf Israel?, München 2025, 160 Seiten






1https://www.dailymail.co.uk/news/article-15732903/Women-living-Hamas-rule-Gaza-Mail-sexually-abused-terror-groups-fighters-forced-sex-return-food-aid.html?fbclid=IwY2xjawRRbrBleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBZdXZDU2s1a0xJQndOb2M3c3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHkry-CAxyldA9MyjU2ElTFTKZB-ZO6ayXBNONErCmVcgf1cprNfYuNGR-aAA_aem_pf99WrQMQemFAgHUIexrnA




https://www.juedische-allgemeine.de/israel/ich-spucke-auf-die-hamas/

https://www.tagesspiegel.de/internationales/ideologie-vor-menschenleben-unschuldige-als-menschliche-schutzschilde-10624654.html








2https://www.gei.de/forschung/projekte/analyse-palaestinensischer-schulbuecher-paltex/faq-antworten-auf-haeufig-gestellte-fragen


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