Sonntags im Park

Warum die Moorweide Gedenkort werden muss

Text und Fotos: Birgit Gärtner 

Die Hamburger Moorweide, der Ort, an dem vor etwas mehr als 80 Jahren Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma zum Transport in die Todeslager gesammelt wurden, ist aktuell Schauplatz des offen gelebten Antisemitismus. Eine Umwidmung des öffentlichen Platzes zum Gedenkort würde nicht nur dieses künftig verhindern; es wäre der Geschichte der Hansestadt nicht nur angemessen, sondern dieser nachgerade geschuldet. 

„Intifada Generation“ steht an einem der Zelte, die aktuell im Rahmen des „Stop Nakba Now“-Camps auf der Hamburger Moorweide aufgebaut sind, einem großen begrünten Platz gegenüber vom Dammtor-Bahnhof. „Intifada“ bedeutet nichts anders als Gewalt gegen Juden und Israelis, um diese zu liquidieren oder mindestens zu vertreiben und den Staat Israel Geschichte werden zu lassen. Anders formuliert: „Intifada“ ist eine klare Absage an das Existenzrecht des Staates Israel und eine Androhung von Gewalt an dessen Bewohnerinnen und Bewohner sowie unterdessen gegen Jüdinnen und Juden weltweit. Zumindest sofern diese einen positiven Bezug zu Israel haben, bzw. sich nicht klar vom Judenstaat distanzieren.

Alleine dieser offen formulierte Israel- und subtile Judenhass sollte deutschen Behörden genügen, derartige Aktivitäten zu unterbinden. Hinzu kommen die Organisationen und auch Einzelpersonen, die mittlerweile eine lange Liste anitsemiti…, pardon, „antizionistischer“ Aktionen vorzuweisen haben. Diese Linie geht direkt von der Anti-Lanzmann-Aktion im Oktober 2009 im linken Stadtteilzentrum B5, bis zum diesjährigen Camp auf der Moorweide. Genau genommen geht die Linie zurück auf die RAF, in deren Tradition sich die „Antiimps“, sprich antiimperialistischen Linken, wie in der B5, sehen.

Hauptakteure 2009 waren linke Migranten und linke migrantische Gruppierungen, die sich seinerzeit in der B5 trafen. Zu nennen wäre u.a. die linke türkische Jugendorganisation „SOL“, aus der später der „Rote Aufbau“ hervorging; heute treffen sich dort Gruppierungen wie „Thawra Hamburg“ und „Samidoun“.

So ist es denn kein Wunder und nicht ganz so zufällig, wie sie uns glauben machen will, dass die antirassistische Aktivistin Aitak Barani aus Frankfurt „spontan“ bereit erklärte, die Kundgebung am 7. Oktober 2024 auf der Berliner Sonnenallee anzumelden, bei der Aktivisten von Samidoun Berlin sich versammelten und wo Baklava verteilt wurde, um den „Fortschritt“ des „Widerstands“ zu würdigen, den die palästinensische Sache ihrer Ansicht nach an jenem Tag gemacht hat. Das erläuterte sie der Zeit gegenüber. "Die zionistische Entität Israel hat kein Existenzrecht", erklärte sie in einem Telefoninterview mit dem Blatt unumwunden.

Tradierter linker Judenhass

Aitak Barani war – oder ist – Aktivistin der „Karawane für die Rechte von Flüchtlingen und MigrantInnen“, die bundesweit aktiv war/ist, eine Gruppe in Hamburg – und die war/ist beheimatet in der B5. Karawane-Aktivisten wiederum waren aktiv an der Anti-Lanzmann-Aktion beteiligt. Das bedeutet, die Akteure und Aktivistinnen kennen sich und sind bundesweit untereinander vernetzt.

Im Oktober 2009 wurde zum ersten Mal seit 1945 gewaltsam die Aufführung eines Films – „Warum Israel?“ – eines jüdischen Regisseurs – Claude Lanzmann – verhindert. Aus dem französischen Juden wurde ein Israeli und somit aus einem französischen Film ein israelischer, dessen Aufführung zu verhindern als revolutionäre Pflicht verstanden wurde. Allerdings ohne Baklava, sondern mit Geschrei, Gepöbel, Pfiffen, Schlägen und Tritten gegen die potentiellen Kinobesucher, die zudem gefilmt wurden.

Die Akteure von damals sind teilweise noch heute maßgeblich in Sachen „Antizionismus“ unterwegs, haben linke Jugendkultur geprägt und linken Antisemitismus tradiert. Das Ergebnis davon ist dieser Tage auf der Moorweide zu bewundern.

Nun ist es allerdings nicht so, dass die Anti-Lanzmann-Aktion ausschließlich von Migranten ausgegangen wäre. Die Deutschen hielten sich nur zunächst fürnehm zurück, bereiteten den Migranten indes im wahrsten Sinne des Wortes die Bühne.

Ohne den einheimischen Antisemitismus würde es den migrantischen nicht geben, bzw. dieser hätte niemals dieses Ausmaß annehmen können, das wir gegenwärtig auf Straßen und in Universitäten beobachten können. Ein Ausmaß, dass Jüdinnen und Juden mehr als 80 Jahre nach der Shoah wieder in Angst und Schrecken versetzt und sie wieder – aufgrund der instinktiv ergriffenen Vorsichtsmaßnahmen – starken Einschränkungen unterwirft – wenngleich nicht auf gesetzlicher Basis, sondern durch die Macht des Faktischen. Ursächlich für das Anwachsen von Antisemitismus in Deutschland ist und bleibt jedoch der tradierte christliche Antijudaismus. Der Judenhass hat lediglich seine Erscheinungsformen geändert, wie virulent er in unserer Gesellschaft war, offenbarte sich nach besagtem 7. Oktober. Spätestens 2009 ließen deutsche Linke ihre Hemmungen fallen, jetzt kennen sie kein Halten mehr.

Antifaschismus – kein linkes Thema

Dass Geschichtsbewusstsein keine nennenswerte Rolle in der Hamburger Linken mehr spielt, war am vergangenen Sonntag bei der von der jüdischen Gemeinde organisierten Kundgebung gegen das Camp auf der Moorweide deutlich zu spüren.

Abgesehen von – oder auch basierend auf – der Tatsache, dass ich in eine ostwestfälische, ursozialdemokratische hineingeboren wurde, bin ich seit mehr als 50 Jahren aktive Linke, aktive Frauenrechtlerin, aktive Antifaschistin.

In den 1970ern hatten wir es noch mit den alten Nazis zu tun, die vor allem junge Kerle in den Bann zogen. Wer noch in den 1980ern an warmen Abenden durch die Straßen von Dörfern und Städten ging, konnte der Stimme des „Führers“ lauschen, die konserviert auf Tonträgern entweder bewahrt oder später käuflich erworben und in stillen Stunden abgespielt wurde. Sicherlich auch an kalten Abenden, aber dann waren die Fenster zu und es merkte niemand. 

In dem Berg, an dessen Fuße ich aufgewachsen bin, fanden Wehrsportgruppen-Übungen statt, an der Weserbrücke in Minden haben wir immer und immer wieder Hakenkreuze entfernt, bzw. in das „Haus vom Nikolaus“ umgewandelt. Pfingstcamps der Gewerkschaftsjugend oder der Falken wurden von Neonazis überfallen, die Gräber beispielsweise auf dem Gräberfeld in Stukenbrock, auf dem russische Kriegsgefangene begraben liegen, wurden alljährlich zum 1. September geschändet. Ostwestfälische Jugendorganisationen haben den Schutz organisiert und mit „Blumen für Stukenbrock“ entstand eine antifaschistische Antikriegstradition, die bis heute fortbesteht.

1979 war ich als Beobachterin bei dem sogenannten „Bückeburger Prozeß“ gegen Michael Kühnen. Auch an dem Tag, an dem der US-amerikanische, aber deutsch-stämmige, Neonazi und Holocaustleugner Gary Lauck, der mit einem Einreiseverbot belegt war, als Zeuge auftrat. Er wurde mit Polizei-Eskorte vom Flugplatz Hannover nach Bückeburg geleitet und anschließend wieder zurück und konnte unbehelligt in die USA ausfliegen. Die Zuschauerbänke waren voll besetzt – außer mir und meinem leider inzwischen verstorbenen Freund und Genossen E-Wi Rahe ausschließlich Neonazis. Die berühmten Stiefelnazis. Wir waren jedes Mal froh, wenn wir unbehelligt wieder zuhause waren.

Die berühmt-berüchtigten Sonnenwendfeiern an den Externsteinen haben es zu bundesweitem traurigen Rum gebracht – nicht zuletzt wegen der ebenfalls traurigen Gestalt Ursula Haverbeck.

Als sich in der Bleichstraße in Bielefeld ein Neonazizentrum etablierte, haben wir in der „Music-Box“, einer Disco in Minden, die es heute noch gibt, ein „Rock gegen Rechts“ organisiert, bei dem 10.000 DM Spende zusammenkam. Das Geld haben wir der Bielefelder Initiative gegen das Zentrum gespendet. Das war damals eine Menge Holz und wir bannig stolz.

„Rock gegen Rechts“ war damals in, bei einem wurde der Organisator und Vater meines Sohnes Opfer eines Messerangriffs eines Neonazis, den er knapp und nach mehrstündiger, schwerer OP überlebte.

Mit anderen Worten: Wir „Boomer“ wissen, was Nazis sind – alte und neue. Antifaschismus war für mich immer zentrales Element von Linkssein.

Seit fast 40 Jahren lebe ich in Hamburg, seit fas 40 Jahren bin ich Teil der Linken in dieser Stadt. Um der ganzen Wahrheit die Ehre zu geben: Auch des Teils, dessen Entgleisung 2009 mich zur Besinnung brachte und – vorsichtig formuliert – zur Entfremdung führte.

Seit fast 40 Jahren bin ich Antifaschistin in dieser Stadt. Hier habe ich die sogenannten Baseballschlägerjahre erlebt. Wir haben Kulturveranstaltungen gegen Rechts organisiert, Neonazi-Strukturen recherchiert, ich habe Veranstaltungen, u.a. eine Demo mit mehr als 10.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, moderiert, habe an Kulturveranstaltungen teilgenommen, beispielsweise zur Erinnerung an die Bücherverbrennung, die in Hamburg am 15. Mai 1933 stattfand, unzählige Artikel über Nazis und Neonazis geschrieben, bis auf die Konkret für alle linken Gazetten, die existiert haben oder heute noch existieren. U.a. habe ich zu Themen wie „Rechte beim Wachdienst“ recherchiert, die hoch brisant sind, aber bis heute niemanden so wirklich interessieren (bevor Ihr fragt: Ja, auch mit muslimischen Extremisten beim Wachschutz hab ich mich beschäftigt), habe ein Buch mit der und über die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano geschrieben, antirassistische Aktivitäten unterstützt und zig Veranstaltungen der Friedensbewegung moderiert.

Kurzum: Seit fast 40 Jahren bin ich Teil der Antifa dieser Stadt.

Im Laufe dieser fast 40 Jahre habe ich nicht wenige Linke kennengelernt. Am vergangenen Sonntag auf der Moorweide sah ich einen davon: Rainer Trampert. Sonst niemanden. Keine Altlinken und keine Alt-LINKEN. Selbstverständlich kann ich nicht ausschließen, dass ich jemanden übersehen habe, insofern möchte ich niemandem Unrecht tun. Vermutlich aber würde ich bei Aktionen im Zusammenhang mit dem Camp mehr alte Bekannte treffen …

Meiner Ansicht nach sollte jede und jeder Linke allein aus antifaschistischem Anstand dieses Camp wenn schon nicht grundsätzlich, dann wenigstens aus Geschichtsbewusstsein an diesem Ort ablehnen. Denn auf der Moorweide wurden vor etwas mehr als 80 Jahren Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma gesammelt, um in die Todeslager transportiert zu werden. Rund 6.000 Menschen haben dort gestanden, zusammengetrieben wie Vieh, und niemand hat ihnen geholfen. 

Dieser Ort darf nicht nur nicht Schauplatz antisemitischer Umtriebe sein, sondern muss Gedenkort werden. Dieser Forderung der Jüdischen Gemeinde ist nichts hinzuzufügen. Dann wären Veranstaltungen jeder Art nur im Kontext der Verfolgung von Minderheiten während der NS-Zeit möglich.

Grindelviertel als Ausgangspunkt muslimischen Lebens in Hamburg

Ach, übrigens: Deutsche Linke, von denen ich gedacht hätte, es seien geschichtsbewusste Linke, glänzten am vergangenen Sonntag durch Abwesenheit; Kurden und Iraner zeigten deutlich Flagge. Den Iranern war vermutlich nicht bewusst, wie naheliegend es für sie ist, ausgerechnet am Rande des Grindelviertels zu demonstrieren. Denn dort war nicht nur das Zentrum jüdischen Lebens, zumindest bis Ende der 1930er Jahre und seit Beginn dieses Jahrtausends wieder, sondern hier gab es auch den ersten muslimischen Gebetsraum in Hamburg. Bzw. den zweiten, der erste war der der Ahmadiyya in Schnelsen.

1955 besuchte der zweite Kalif und Ahmadiyya-Oberhaupt Mirza Baschir ud-Din Mahmud Ahmad Hamburg. Wie ein Staatsgast wurde er im Hamburger Rathaus empfangen. Die Ahmadiyya beschlossen, in Hamburg eine zweite Moschee neben der in Berlin-Wilmersdorf zu bauen. Die Deutsche Bank, die Dresdner Bank und die Vereinsbank unterstützen das Projekt mit je 500 Mark. Das war allerdings vermutlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Finanzierung der Ahmadiyya, die öffentlich vorwiegend mit Armenspeisung und Stolperstein putzen in Erscheinung tritt, hält sich da sehr bedeckt.

Trotz aller Verwerfungen zwischen sunnitischen Muslimen und der Ahmadiyya wurde die Hamburger Moschee zu einem Gebetshaus für alle Muslime in der Hansestadt.

Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als die Ahmadiyya-Moschee errichtet wurde, konvertierte der Hamburger Ringer Erhard Grimm zum Islam und nannte sich fürderhin Abdulkarim Grimm. Eslam.de zufolge ist er ein „Ururenkel des Sprachforschers Jakob Grimm (Gebrüder Grimm)“. Das kann allerdings nicht sein, denn laut Wikipedia hatte Jakob Grimm keine eigene Familie, sondern lebte mit seinem jüngeren Bruder Wilhelm und dessen Familie zusammen. Der wiederum hatte zwar Kinder, aber nach allem, was offiziell bekannt ist, keine Enkel.  Nichtsdestotrotz können Erhard/Abdulkarim Grimms Vorfahren mit denen der Gebrüder Grimm verwandt gewesen sein.

Abdulkarim Grimm richtete in einem Wohnhaus in der Bornstraße – mitten im ehemaligen jüdischen Viertel – ebenfalls eine kleine Moschee ein: Das „Haus des Islam“. Dort fungierte er als Imam. Diese Moschee wurde u.a. von den schiitischen Kaufleuten und iranischen Studenten genutzt, die sich in Hamburg aufhielten. 

Modell der Bornplatzsynagoge im "Museum für Hamburgische Geschichte"

Wir erinnern uns: In den 1950er Jahren gab es kein jüdisches Leben in Hamburg; die Synagoge am Bornplatz, die größte Synagoge Norddeutschlands, war abgebrannt, die Talmud-Tora-Schule – 1909 bis 1911 durch Spendengeldern u.a. der Warburg-Bank gebaut – diente der Uni als Bibliothek, jüdische Geschäfte oder gar Gastronomie gab es nicht mehr. Die meisten der 28 Lehrer und 343 Schülerinnen und Schülern, die 1942 noch die Schule besuchten, bzw. dort tätig waren, wurden in die Todeslager deportiert. Aller Wahrscheinlichkeit nach über den Sammelpunkt Moorweide. Nur drei Lehrer und 76 Kinder überlebten den Holocaust. Erst 2007 nahm die jüdische Joseph-Carlebach-Stadtteilschule dort ihren Betrieb auf. Die Bornplatzsynagoge soll wieder aufgebaut werden, ein jüdisches Restaurant befindet sich direkt gegenüber und sogar ein kleines israelisches Lädchen ist seit ein paar Jahren am Grindel zu finden.

Die Muslime sind längst nicht mehr auf das Grindelviertel angewiesen. Abdulkarim Grimm verhalf sowohl den Iranern zu dem Grundstück an der Alster, auf dem das „Islamische Zentrum Hamburg“ (IZH) gebaut, als auch später der Islamische Gemeinschaft Millî Görüş“ (IGMG) zu den Grundstücken in der Böckmannstraße in St. Georg, auf dem die Centrum-Moschee errichtet wurde.

 

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