Gaza wird in Berlin befreit

 

 

 


 

Am 20. September findet in Berlin die Wahl zum Abgeordnetenhaus statt


Text Juliane Beer


Radelt man dieser Tage durch die Stadt oder schaltet den Berliner Regionalsender RBB ein, könnte man auf den Gedanken kommen, es würden nach über 20 Jahren bzw. nach einer Kommunalwahl in Deir al-Balah im Frühjahr 2026 endlich wieder freie Wahlen in ganz Gaza stattfinden.1

Auf Plakaten der Parteien BSW und Die LINKE wird dementsprechend für ein freies Gaza geworben. Das BSW informiert die Berliner Bevölkerung zudem, dass Kritik an Israel kein Antisemitismus sei, vergisst dabei, das Wort Regierung mit aufs Plakat zu drucken, dafür lautet die Unterschrift, man sei “gefährlich ehrlich“. Weil man etwas verkündet, was mindestens die Hälfte der deutschstämmigen und vermutlich dreiviertel der muslimischen Bevölkerung ohnedies denkt? Bei so viel Übereinstimmung dürfte das BSW am Sonntag als haushoher Gewinner aus dem turnusgemäßen Spektakel hervorgehen.

Folgerichtig, dass in der “Wahlarena“ des RBB am 16. September2 Michael Lüders, auf Listenplatz 2 des BSW, einen Anstecker trug, der die Umrisse Israels, des Westjordanlands und Gazas in den Farben der Palästina-Flagge und der Wassermelone zeigte. Nach den Beweggründen für seine Beflaggung gefragt, antwortete er, er möge Wassermelonen. Gut, dass er das richtigstellte. Ansonsten hätte man auf den Gedanken kommen können, der Mann wüsste nicht, dass Israel, will man geschichtlich, religiös oder überhaupt korrekt argumentieren, jüdisches Land ist, und zwar from the river to the sea, da es zur Zeit der ersten Besiedlung Israels bekanntermaßen nur Juden und Heiden gab. Oder anders ausgedrückt: Lüders wird es wissen, hofft aber eventuell, seine potentiellen Wähler, die er mit diesem “Geheimcode“ ansprechen möchte, wissen es nicht. Damit läge er ziemlich richtig, wie zahllose Gespräche auf Berliner “Free Palestine“-Demos nach dem 7. Oktober 2023 zeigen. Über die Beweggründe für ihre Solidarität mit arabischen (Frauen)Mördern und Vergewaltigern befragt, gab und gibt die Mehrheit junger deutscher oder arabischer Demonstranten an, der 7. Oktober sei ein Befreiungsschlag gewesen, da Juden 1948 ausgezogen seien, das rein arabische Palästina zu besetzen. Erklärt man diesen Kids, dass Palästina vor 1948 unter wechselnder Verwaltung stand, zuletzt unter der der Briten, versichern die Wissbegierigen, das bei Tiktok recherchieren zu wollen, weniger Wissbegierige raten einem, sich zu verpissen.

Gut ist, dass hier Onkel Lüders ins Spiel kommt, schlecht ist, dass oben genannte Generation nicht mehr TV schaut, schon gar nicht die alte Tante RBB.

Doch wie bereits erwähnt: Auch die Partei Die LINKE hat sich vorgenommen, am 20. September Palästina zu befreien, wie Wahlplakate künden. Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp freut sich zudem, dass in Berlin die größte palästinensische Community Europas lebe. 3 Nun mögen unter diesen Menschen sicher einige sein, die in Gaza mit der Hamas oder islamischen Clans in Konflikt gerieten und sich deshalb aus dem Staub machen mussten. Allerdings ist Eralp eine Verfechterin offener Grenzen weltweit, wie sie vor einigen Jahren in der Kneipentalkshow Der Bedingungslose Nachmittag 4versicherte. Wie sie verhindern will, dass Menschen, die vor ihren Peinigern fliehen, auf einem grenzenlosen Planeten leicht und überall von diesen gehascht werden können, verriet sie nicht. Übrigens auch nicht, wie sie auf einem grenzenlosen Planeten verhindern will, dass Wohlhabende hohe Zäune um ihre Gated Community ziehen, zu denen die internationalen Armen höchstens zum Putzen Zutritt erhalten. Reiche Menschen interessiert das No Border – Geschwätz nämlich lediglich dann, wenn es um steuerbefreite Zonen geht, die sie sich nach Abschaffung von Nationalstaaten und -grenzen in ihrer Wohnumgebung schaffen werden.

Zurück nach Berlin.

Die sogenannten Parteien der Mitte wollen mithalten bei der großen Nahost-Sause und so rief man gemeinsam mit jüdischen Initiativen am Donnerstag vor der Wahl die Bevölkerung dazu auf, einen Davidstern zu tragen, um sich mit einer von zahllosen Jüdinnen und Juden zu solidarisieren, die wenige Tage zuvor wegen Tragen einer Kette mit Davidstern angegriffen wurde. Einige tapfere Menschen in dieser Stadt machten mit, sogar im Bezirk Neukölln. Dafür Hut ab. Die Regierenden und Politiker “der Mitte“ waren danach zufrieden, denn die Regierenden und Politiker “der Mitte“ hatten es den Antisemiten der Stadt mit dieser Aktion mal so richtig gezeigt.

Doch warum ist der Kampf um Palestine, geführt im deutschen Wohnzimmersessel oder in der Fußgängerzone am bewachten Wahlkampfstand, so wohlgelitten und die drängenden Probleme der Stadt als da wären Wohnungsmangel, Integrationsmisere, Antisemitismus, Bildungsmisere, Müll, Gewalt, Kriminalität so unbeliebte Themen?

Die Antwort liegt auf der Hand. Weil keine der Parteien überzeugende Pläne, Ideen, Visionen im Angebot hat, auf die man sie nach der Wahl festnageln kann. Natürlich hat man auch für den Dauerkonflikt in Nahost keine Pläne, Ideen und Visionen. Doch darauf wird einen garantiert niemand in Berlin nach der Wahl festnageln. Nicht mal solche Kids, die auf Tiktok erfahren, dass Palestine vor 1948 kein arabisches Friedensparadies war, sondern britisches Mandatsgebiet, wo weder die meisten dort lebenden Araber noch die meisten dort lebenden Juden irgendetwas zu lachen hatten.


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